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Ryan O’Reilly im Interview mit Panama

Welche Rolle kann Musik für Marken spielen? Wie befreit man sich aus einer Kreativ-Blockade? Und wie findet man als Künstler das perfekte Gleichgewicht zwischen Konsistenz und Revolution? Sehen Sie hier unser Gespräch mit dem englischen Songwriter Ryan O’Reilly.

Wer bist du und was machst du gerade?

Mein Name ist Ryan O'Reilly, ich trete heute Abend hier in Panama auf. Heute ist auch der letzte Tag meiner Tour und es ist schön, sie hier in Stuttgart zu beenden.

Was gefällt dir besser – Shows auf großen Bühnen oder in intimer Wohnzimmer-Atmosphäre?

Bei den größeren Shows, die ich gespielt habe, waren wir Vorband für deutlich größere Künstler. Da geht man auf die Bühne und dann stehen da einfach 2.000 Leute im Publikum. Ich selbst bin nicht an dem Punkt in meiner Karriere, an dem alle kommen, nur um mich zu sehen. Aber wenn ich an meine absoluten Lieblingsshows denke, ist das auf jeden Fall eine gute Mischung aus den Shows vor 2.000 Menschen und einigen, teils ganz außergewöhnlichen Wohnzimmerkonzerten, bei denen die Zuhörer sich voll und ganz auf die Songs einließen.

Was tust du, wenn du kreativ nicht weiterkommst? Hast du irgendwelche Tipps und Ideen für die Kreativen hier in Panama?

Die zwei oder drei Lieder, die mich sehr weit brachten, zum Beispiel zur Königsfamilie von Katar oder nach Hollywood, schrieb ich, ohne groß darüber nachzudenken. Das könnte ich so nicht wiederholen, selbst wenn ich es wollte. Bei den anderen Liedern, die bei meinem Publikum gut ankommen, habe ich wirklich hart daran gearbeitet, herauszufinden, was an den Liedern, die ich im Schlaf geschrieben habe, so gut war. Und deshalb gibt es beide Wege: Man kann durch Handwerk etwas erreichen, und manchmal ist es einfach der Kuss der Muse. Es gibt aber auch eine ganz praktische Methode, die Brian Eno mit David Bowie nutzte. Brian Eno schrieb dabei Anweisungen auf Karten, zum Beispiel: „Der Schlagzeuger muss heute den ganzen Tag Gitarre spielen“ oder „Du musst alle Lieder eine Oktave tiefer singen.“ Diese Karten dienten dazu, die Optionen der Künstler einzuschränken. Das Schwierigste für die eigene Kreativität ist es, zu viele Optionen zu haben. Wenn es keine Grenzen für das gibt, was man tun könnte, kann einen das ganz schön lähmen. Wenn man sich aber Grenzen setzt, kann dies auch sehr inspirierend sein.

Gibt es etwas, was Marken von dir als Musiker lernen können?

Ich glaube, das Wichtigste, was ich hierzu gelernt habe, kommt von den Auftritten als Straßenmusiker. Zum Beispiel in Covent Garden spielten wir bei solchen Shows sieben oder acht Songs, zogen dadurch viele Menschen an und am Ende sagte ich: „Das sind alles Originalsongs, wenn Sie die zuhause Hause haben wollen, müsse Sie sie gleich hier mitnehmen“. Die Menge hat sich auf uns gestürzt und wir haben dadurch wirklich sehr viele CDs verkauft. Ich glaube, der Grund dafür, dass die Leute mich nach all den Jahren immer noch hören wollen, sei es in einer Kleinstadt in Italien oder im nördlichen Norwegen oder wo auch immer, und dass sie mir dann sagen „Ich habe dich an diesem Tag auf der Straße gesehen“, ist, dass sie das Gefühl haben, sie selbst hätten mich entdeckt. Die Beziehung zu mir ist anders, als wenn sie von mir in einem Magazin erfahren hätten. Die Leute die meine Musik entdeckt haben, haben das Gefühl entwickelt, dass ihnen etwas davon gehört. Und das ganze war an Erinnerungen geknüpft: Wenn sie einen meiner Songs hören, erinnern sie sich sofort an ihren London-Trip, sie denken an Portobello Road, West London. Und ich glaube, diese beiden Dinge zusammen bedeuten, dass die Entscheidung, mir zuzuhören, eher ihre Entscheidung war, und sie sich mir gegenüber deshalb auf eine andere Weise verbunden fühlen. Ich werde nicht so tun, als ob das von Anfang an mein Plan war, aber zumindest beurteile ich die Dinge zehn Jahre später so.

Warum sollten sich Marken mit Musik und ihrem Sound beschäftigen?

Klassische Werke wie die Odyssee oder die Ilias wurden ursprünglich einander vorgesungen. Ähnlich ist es bei den Gospel-Hymnen, die auf Plantagen gesungen wurden – die Menschen kommunizierten mit Hilfe von Melodien. Es ist leicht, sich an Melodien zu erinnern. Ich glaube, einige der anderen Sinne haben das auch, wenn man zum Beispiel ein Parfüm riecht und dich das an einen Ort deiner Erinnerung zurückbringt, vielleicht an die erste Freundin denken lässt oder an das Wohnzimmer deiner Großmutter. Musik wirkt auf ganz verschiedenen, teilweise sehr ursprünglichen Ebenen.

In der Markenführung gibt es das Prinzip der Selbstähnlichkeit – das, wofür man bereits bekannt ist und geschätzt wird, behält man konsistent bei, findet aber neue und andersartige Wege, sich zu präsentieren. Sich selbst treu bleiben, aber auch neue Wege des Ausdrucks finden – sind das Dinge, die dich beim Songwriting beschäftigen?

Bei Straßenmusik geht es um Leidenschaft, es geht um Integrität, darum, dass man sich nicht hinter irgendwelchen Effekten versteckt. Auf der Straße Musik zu machen ist immer echt und immer roh. Das sind die Dinge, die mich als Künstler und uns als Band definieren. Wenn wir auf Tour gehen, wollen die Leute echte Songs hören, leidenschaftlich gesungen und ehrlich gespielt. Als Künstler möchte man sich aber auch nie auf eine Sache beschränkt fühlen. Wenn man zum Beispiel an Bob Dylan und sein Wechsel zur E-Gitarre denkt – das war nicht einfach nur ein Bruch mit dem Image, welches sich die Leute von ihm gemacht hatten. Bob Dylan forderte dieses Image regelrecht heraus – das ging soweit, dass sich die Leute richtig über ihn aufregten. Trotzdem war es die richtige Entscheidung, die Musik war unglaublich – die Leute waren nur noch nicht so weit. Und das ist sicher auch die Rolle des Künstlers, nämlich voranzugehen. Wenn die Leute sagen: "Du bist dies", dann antwortet ein bestimmter Schlag Künstler "Oh, du denkst also, ich bin dies, dann bin ich das ab jetzt nicht mehr“. Da besteht eine Dualität – natürlich will man immer die authentischste Version seiner selbst sein, aber man will genau so sehr alles einreißen, für das man steht und etwas komplett anderes machen.

Und was ist dein Eindruck von Panama?

Wenn man als Ire irgendwo ankommt und als erstes ein Bier in die Hand gedrückt bekommt, dann ist das immer ein gutes Zeichen.

 

Hier geht es zum Song NORTHERN LIGHTS

und hier zum Song  EMILY

Jonas Schwan

Senior Planner